Kaptiel 7: Bildsprache – Dies und Das

Das passende Licht für alt, verlassen und verfallen

In meiner unmittelbarer Nachbarschaft befindet sich ein etwas älteres Haus. Die Bewohner sind vor 2 Jahren in ein Altersheim umgezogen. Seit dieser Zeit ist das Haus verlassen und es verfällt zusehends. So weit, so gut. Eigentlich nichts besonders, das geschieht in jedem Ort bzw. Stadt mehrfach, immer wieder und ist alltäglich.  

Was mich persönlich betrifft, könnte es mir eigentlich egal sein. Aber da ich die Bewohner fast täglich auf der Straße und beim Vorbeigehen traf, habe ich eine kleine Beziehung zu dem Haus.

Deshalb überlegte ich mir schon lange, wie ich dieses alte verlassene Motiv so fotografiere, dass der Betrachter erkennt: Ein altes, verlassenes Haus, das langsam verfällt.

Heller Sonnenschein passt nicht dazu. Blauer Himmel auch nicht. Und die Bild Bearbeitungs-Regler auf bunt, hell, freundlich, optimistisch zu stellen ist ebenfalls nicht passend. Deshalb weniger Kontrast, weniger Licht, etc.

Ich verfolge den Zustand des Hauses jetzt weiter. Es bleibt mir auch gar nichts anderes übrig, da ich fast täglich daran vorbei kommen.

Wie alles begann!

Hier ist mein erstes Bild, welches ich nach unzähligen Verwirrungen und Versuchen mit Licht und Schatten und Farben und Schönheit gezielt mit dem Vorsatz: „Jetzt mache ich endlich mal ein Bild mit Aussage“ fotografiert habe. Ich war einmal kurz in zwei Fotoclubs hier in der Nähe. Und bei beiden war das Wort Bildsprache ein Fremdwort. Also musst ich viel viel Lesen bis ich dieses Fotografen Thema entdeckte.

Wichtig: Nicht einfach nur ein belangloses Nebel Bild mit Bäumen, Wasser, Tieren, Landschaften. Das entscheidende bei diesem Nebel Bild sind die Schienen, die den Weg in die Zukunft unsicher, vernebelt, verzaubert oder verschleiert darstellen. Eine Straße hätte die gleiche Aussage, war aber gerade keine zur Stelle.

Zur Kontrolle musste meine Frau hinterher raten, was ich wohl damit gemeint haben könnte:
Volltreffer: Sie meinte, das Bild zeigt eine ungewisse, unklare, unsichtbare Zukunft.

10.000 Stunden

Der kanadische Journalist und Sachbuchautor Malcolm Gladwell schreibt glaubhaft in seinem Buch: „Outliers: The Story of Success“ (auf Deutsch erschienen als „Überflieger: Die Erfolgsgeheimnisse von Ausnahmemenschen“), dass 10.000 Stunden gezieltes Üben nötig sind, um zur absoluten Meisterschaft zu gelangen.

Als Beispiel führt er u.a. die Beatles an. Er beschreibt, dass die Beatles nicht nur für drei kurze Konzerte in Hamburg waren, sondern drei mal viele Monate und Nächtelang in Hamburg aufgetreten sind.

Bei täglich 2 Stunden fotografieren und täglich eine Stunde Nachbearbeitung zuhause am PC sind dies 300 x 3 = 900 Stunden pro Jahr. Das bedeutet fast 10 Jahre täglich 3 Stunden bis zur Fotografen Meisterschaft.

Die bekannte deutsch-amerikanische Fotografin Lisette Model (oft auch Lisette Modell geschrieben) soll einmal gesagt haben: Fotografiere nie etwas, das dich nicht interessiert. Sie meinte damit, dass echte Leidenschaft und persönliches Interesse die absolute Grundvoraussetzung für ein gutes und authentisches Foto sind.

So sollte es Ihnen auch gehen. Falls Ihr Fotoclub sie rausschickt mit dem Auftrag: Fotografiere die blaue Stunde, das Frühlingserwachen, Brücken, die Farbe blau, oder ähnlicher Schwachsinn, dann haben Sie den Mut im eigenen Interesse NEIN zu sagen. Warum?

  • 1. Fotografiere nie etwas, das dich nicht interessiert.
  • 2. Es benötigt 10.000 Stunden Training, um etwas wirklich zu beherrschen.
  • Sie vergeuden sinnlose Lebenszeit, das kostbarste Gut das Sie haben. Wenn andere sooo gerne Bilder der blauen Stunde wollen, sollen sie diese selbst machen

Das passende Licht zum Ende der Saison?

Sonnenschein an der Floß-Lände
Schwarz-Weiß und bewölkter Himmel an der Floß-Lände

Für uns Fotografen steht und fällt vieles mit dem Licht. Zusammen mit der passenden Perspektive und dem richtigen Objektiv (Weitwinkel Normal-Objektiv, Tele) gehört Licht zumindest zu einem ein Drittel zu der optimalen Bildaussage.

Dies bedeutet, dass es für jedes Bild, bzw. für jede Bildaussage, ein optimal passendens Licht gibt. Für Urlaubsfotografen ist dies natürlich blöd. Diese sind oftmals nur einen Tag oder nur eine Woche in einem fremden Land. Da ist es reine Glückssache, ob für die Erinnerungs-Bilder, auch das passende Licht herrscht.

Hier in Wolfratshausen starten im Sommer bis zu 10 Flößer und setzen die Fahrgäste 6-8 Stunden später in München wieder ab. Eine Riesengaudi mit viel Volksmusik, noch mehr Bier und guter Laune.

Doch wie so vieles im Leben, ist auch hier irgendwann Anfang September die Saison zu Ende. Spätestens wenn in München die Jahreshauptversammlung der anonymen Alkoholiker beginnt, interessiert sich kein Mensch mehr für Floßfahrten.

Meine Frage ist dann jährlich: Wie drückte ich das mit dem Mittel der Bildsprache visuell aus? Welches Licht passt zum Saison-Ende. Welches Licht passt grundsätzlich zum Thema: Ende, Tod, Vergangenes, etc. Ist es Sonnenschein, Nebel oder Regen? Ist es der Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang? Sollen die Bilder etwas überbelichtet und heller sein, oder leicht unterbelichtet?

Andere Perspektive

Es steht geschrieben dass 80% aller Bilder, gedankenlos aus Augenhöhe aus aufgenommen werden. Und für die beiden oben gezeigten Bilder trifft das auch zu. Ein Übersichtbild von einer benachbarten Brücke. Wer hier öfters vorbeikommt findet, diese Bilder alltäglich, sogar langweilig.

Auf diesem Metall Balken rollen die einzelnen Baum Stämme dem Wasser zu.

Natürlich ist bei jedem Bild das wir machen auch etwas Kreativität hilfreich. Egal ob es nur der persönlichen Erinnerung dient, oder ob es eine echte Bildaussage hat. Das Licht ist mir jedoch zu hell für die Aussage: Ende der Saison. Das Licht (Sommer, blauer Himmel) passt viel besser zu: Aufbruchstimmung, gute Laune, Unternehmergeist, optimistisch.

Das gleiche Bild nur etwas dunkler, und bei bewölktem Himmel

Diese Bild drückt eher die trübe, melancholische Stimmung aus. Leere, Dunkelheit, Einsamkeit, Verlassenheit. Es könnte gleich anfangen zu regnen. Kein einladendes Wetter für Outdoor Aktivitäten.

Kontraste

Jeder Fotograf denkt bei dieser Überschrift sofort: Da kenne ich mich aus: Schwarz/weiß Kontrast oder Farb-Kontrast. Ein „alter Hut“ in der Fotografie.

Ja, das stimmt, aber das Thema „Kontraste“ geht noch viel weiter. Hier geht es um inhaltliche Kontraste, oftmals auch semantische Kontraste genannt. Gemeint ist damit die Gegenüberstellung unterschiedlicher und besonders gegensätzlicher Inhalte.

Wenn Sie etwas Großes besonders betonen (ausdrücken) wollen, fotografieren das Große zusammen mit etwas auffallend kleinem. Oder reich gegen arm, teuer gegen billig, alt gegen neu, dick gegen dünn, usw.

Auf die Schnelle konnte ich als Motiv keinen Fiat 500 besorgen, also habe ich die KI gebeten, mir dieses Bild zu erzeugen.

Alt und Neu

Auch das zweite Bild zu diesem Thema ist KI generiert. Ich bin manchmal etwas faul und wollte nicht ewig mit dem Radl durch die Lande fahren, bis ich das passende Motiv gefunden habe. Ein altes Haus in direkter Nachbarschaft zu einem Neubau. Hier geht’s mir nicht um irgend eine Bewertung. Es soll nur die Gegenüberstellung, der semantische Kontrast gezeigt werden.

Image Transfer

Hochzeits-Fotografen benutzen dieses Element der Bildsprache besonders gern. Jede Gemeinde hat wohl ein besonders angesehenes Motiv, wie eine alte Burg, ein Burgtor, einen Brunnen in der Stadtmitte, ein altes Rathaus, einen Maibaum in Bayern, oder, wie in meiner Heimstadt, einen Rosengarten. Motive die ein gutes oder hohes Image in der Bevölkerung haben.

Denn dieses Image kann man geschickt benutzen, indem das Brautpaar oder sonstige Porträts, zusammen mit dem beliebten ortstypischen Motiv abgebildet wird. So strahlt, ohne großen Aufwand, das gute bekannte Image auf das Brautpaar ab.

Lügen, nichts als Lügen

Venedig Piazzetta

Falls sie von Anfang an bis hierher alles gelesen haben, dann kennen Sie die Aussage: Alles was wir verbal ausdrücken , alles was wir schriftlich ausdrücken, könnem wir auch visuell mit unseren Fotos ausdrücken. In letzter Konsequenz bedeutet dies, dass wir auch mit unsern Bildern lügen können, oder weniger dramatisch ausgedrückt: etwas schummeln oder manipulieren.

Zusätzlich zu meiner Fotoleidenschaft, bin ich beruflich stark mit Venedig  verbunden. Deshalb verfolge ich auch täglich in den Google News, alle Meldungen über die Lagunenstadt. Und was da täglich alles an Halbwahrheiten, Unwahrheiten, Manipulationen in Text und Bild gemeldet wird, stellt mir die Haare zu Berge.

Es vergeht kaum ein Tag in dem nicht irgend eine Zeitung wieder vom Overtourismus in Venedig eine Schlagzeile raushaut. Und das passende Bild dazu, das die Aussage unterstützen soll.

Sie als Fotograf haben bestimmt schon davon gehört, dass bei Aufnahmen mit einem Teleobjektiv die Motive im Bild komprimiert wirken. 200 bis 300 Meter der Realität, werden auf 2 bis 3 cm in dem Bild komprimiert. Das soll die Leser visuell überzeugen (anlügen), wie eng und dicht gedrängt in Venedig die Menschenmassen auf den Plätzen und in den engen Gassen geschoben werden.

Lügen Teil II

Als Beweis, dass es KEINEN Overtourismus in Venedig gibt, könnte man diese Bild aus der absoluten Höchst Saison hernehmen. Aufnahme am 13. Juli um 16:00 Uhr. Und Sie merken es schon. Dieses Bild wurde mit einem Weitwinkel aufgenommen. Blickwinkel ganz extrem nach unten um den Vordergrund extrem zu betonen. Damit hat es genau den gegenteiligen Effekt wie beim Tele Objektiv. Das Bild suggeriert: Der halbe Markus Platz ist frei und leer. Nur ganz hinten, direkt vor dem Markusdom, sind ein paar Touristen. Kaum der Rede wert.

Missverständnisse, Unklarheiten, Mehrdeutigkeiten

Bei jeder Kommunikation kann es zu Missverständnissen kommen. Der Redner, Schreiber oder Fotograf hat eine bestimmt Absicht eine Aussage. Diese setzt er mit Worten, Texten oder Bildern um.

Und der Absender der Nachricht, hofft, dass der Zuhörer, Leser oder Bildbetrachter seine Aussage auch versteht.

Heute Nacht war für den kommende Winter die erste richtig kalte Nacht. Raureif auf den Dächern und Wiesen. Das war meine Absicht, Aussage bei diesem Bild. Nichts hochdramatisches, nichts weltbewegendes, aber für mich, der ich täglich mit dem Fotoapparat draußen bin, doch bemerkenswert.

Und wie so oft beim Thema Kommunikation, kann natürlich auch dieses Bild auch missverstanden werden.
missverstanden werden.
Ein Fotograf, der noch am Anfang  seiner Fotografen Tätigkeit steht, und deshalb aus Unsicherheit sehr darauf bedacht ist, die Regeln einzuhalten, bemängelt hier, dass das Bild exakt in der Mitte zweigeteilt ist. Ich habe dies jedoch bewusst gemacht. Große Bildanteile (Flächen Aufteilung) haben Wirkung auf die Bildaussage. Der Betrachter sieht hier in einem großen Teil des Bildes den Vordergrund, die rauhreife Wiese.